BEWEGEN | Verkehrsklima Druck rausnehmen statt Druck machen Viele Fakto- ren heizen die Stimmung an: begrenzter Straßenraum, mehr Pkw, mehr Rad- und Lieferverkehr, dazu ÖPNV und Fußverkehr – alle brauchen Platz. Wenn wir zu spät dran sind, wenn es stockt, Wege zu schmal sind oder andere „im Weg“ zu sein scheinen, entsteht schnell Frust. Kommen Stressoren aus Arbeit oder Privatleben hinzu, kann die Stimmung leicht kippen. Deshalb sind Rahmen- bedingungen notwendig, die mehr Gelassenheit im Straßenverkehr erleichtern: eine einfach verständliche und fehlerverzeihende Infra- struktur, Regeln, die eingehalten werden, und ein faires Miteinander, bei dem andere Verkehrsteilnehmende nicht als „Konkurrenz“ gesehen werden. Revierverhalten und Kulturleistung Siegfried Brock- mann, zuständig für die Themen Verkehrssicherheit und Unfall- forschung bei der Björn Steiger Stiftung, sieht als weiteren Faktor für Aggression auch das „Revierverhalten“. Es schlummert seit der Steinzeit im Menschen: „Fährt jemand auf der Autobahn zum Bei- spiel 150 km/h, hält er die nächsten 300 Meter für ‚sein Revier‘. Wechselt nun jemand mit einer geringeren Geschwindigkeit auf diese Spur, kann das als Revierverletzung empfunden werden.“ Das Phänomen tritt auch im Stadtverkehr auf: „Ist man mit 20 km/h auf dem Hochbordradweg unterwegs, wird ständig etwas zum Bremsen zwingen: ein Fußgängerüberweg, eine rote Ampel, ein Radfahrer, der nicht überholt werden kann usw. Und alles, was zum Bremsen zwingt, ist ein Eingriff in das eigene Revier. Wir haben zwar in einer ‚Kulturleistung‘ gelernt, damit umzugehen – allerdings TIPPS DER KOMMUNIKATIONSTRAINERIN GOŚKA SOLUCH Wer den eigenen Alarmmodus (z. B. flacher Atem, angespannte Mus- keln, schneller Puls) erkennt, kann bewusst gegensteuern: langsamer atmen, Schultern oder Griff lockern, innerlich sagen: „Ich bleibe ruhig.“ Ziel ist, vom Impuls zurück in die Kontrolle zu kommen. Wenn bestimmte Situationen Stress auslösen (eng überholt, bedrängt, angeschrien oder übersehen werden), kann ich möglicher- weise über mein Verhalten Einfluss nehmen: • Abstand vergrößern • Tempo reduzieren • klar und sichtbar positionieren • mir bewusst machen: Nicht jede Aggression hat mit mir zu tun. Nicht jede Provokation braucht eine Antwort. In angespannten Situa- tionen helfen kurze, klare, sachliche Botschaften besser als Diskussio- nen. Deeskalation heißt oft, sich nicht auf einen Machtkampf einzu- lassen. Wenn das Gegenüber nicht erreichbar scheint oder die Situation zu kippen droht, dann ist ein Rückzug kein „Kleinbeigeben“, sondern Selbstschutz – gerade, weil Radfahrende ungeschützt sind. Wer vorausschauend fährt, gut sichtbar ist und die eigene Körperspan- nung bewusst reguliert, wirkt souverän und sicher. Zum Thema „Straßenverkehr ohne Angst“ bietet die ADFC-Akademie am 17. September 2026 von 18 bis 20 Uhr einen Workshop mit Gośka Soluch, Mediatorin und Kommuni kationstrainerin, an: www.adfc.de/adfc-akademie 8 A D F C R A D W E LT Emotionen Im Straßenverkehr: Ausblenden lassen sie sich kaum, aber wer am Verkehr teilnimmt, sollte in der Lage sein, seine Impulse zu kontrollieren. mit Grenzen: Irgendwann ist das ‚Aggressionsgefäß‘ womöglich voll“, so Brockmann. Abhängig davon, inwieweit der einzelne Mensch in der Lage ist, mit Druck umzugehen und die eigenen Emotionen zu kontrollieren, wird die Reaktion ausfallen: Manche Menschen bleiben ruhig, andere haben eine sehr kurze Zünd- schnur. Auch die zunehmende Individualisierung, sich selbst am wich- tigsten zu nehmen und sich nicht als Teil der Gesellschaft zu sehen – die nur funktioniert, wenn alle zusammenarbeiten –, trägt wohl einen Teil dazu bei. Zwar sind diese Erkenntnisse keine Lösungsan- sätze, können aber dabei helfen zu verstehen, was in uns vorgeht, und ein erster Schritt zur Reflexion des eigenen Verhaltens sein. Denn am Ende entscheidet nicht der Impuls, sondern die Fähigkeit zur Selbstkontrolle: Wer die eigene Aggression kontrolliert, schützt sich selbst und andere. Punktesystem überarbeiten? „Auf der Autobahn hätten geringere Geschwindigkeiten durchaus einen Effekt auf die Aggres- sion, weil dann das, was jemand für eine Revierverletzung hält, seltener vorkommt“, sagt Siegfried Brockmann. Höhere Bußgelder hält er für sozial ungerecht und plädiert stattdessen dafür, bei den Punkten nachzulegen, sodass schneller eine Führerscheinsperre folgt: „Acht Punkte muss man erst mal zusammenfahren – das macht man nicht aus Versehen. Deswegen mein Vorschlag: Das Punktesystem noch mal drastisch überarbeiten, denn dann trifft es die sogenannten Grobmissachter.“ Eine schnellere Führerschein- sperre träfe unabhängig vom Einkommen alle gleichermaßen, die durch Verkehrsdelikte und Aggression auffallen. Laut Brockmann müsse Aggression im Straßenverkehr und das Missachten von Regeln unbedingt sanktioniert werden, da dieses Verhalten sonst beibehalten werde. SELBSTEINSCHÄTZUNG und FREMDWAHRNEHMUNG bei Autofahrenden 94 % sagen, dass sie besonders viel Rücksicht nehmen, wenn sie Radfahrende mit dem Pkw überholen. SELBSTEINSCHÄTZUNG 92 % geben an, dass sie beobachten, dass andere Autofahrende Radfahrende zu dicht überholen. FREMDWAHRNEHMUNG 94 % 92 % Quelle: Studie Verkehrsklima in Deutschland 2023, www.udv.de i l s e g a m e o c e v e t s / m o c o t o h p k c o t S . i : o t o F